GORDAFARID

Eine empanzipierte iranische Frau in der iranischen Mythologie

Von: Frau Nariman Sohrab

In unserem iranischen Ausweis, welcher Schahnameh heißt, und „Buch der Könige“ bedeutet, liest man uralte Geschichte Irans, Mythologie genannt. Es gibt mythologische Hinweise darin, die uns heutzutage genauso aktuell und frisch vorkommen wie vor Tausenden von Jahren.
Einer dieser Hinweise ist in dem Kapitel „Sohrab“ von Ferdoussi wie immer in Gedichtform erzählt. Diese mythologische Geschichte mag tatsächlich authentisch sein oder nicht. Wichtig erscheint mir hier nur die Tatsache, daß Ferdoussi vor etwa 1100 Jahren eine Geschichte erzählt, die 5 – 6000 Jahre, ja vielleicht sogar nur 2000 Jahre alt ist, worin aber Gedankengänge in Dichtungsform vorhanden sind, die einem wundersam vorkommen. Allein die Tatsache, daß Ferdoussi vor 1100 Jahren die Motivation hatte, eine so feministisch-emanzipatorische Geschichte zu erzählen, spricht zumindest für eine schon vor 1000 Jahren vorhandene normale, emanzipierte Frau im Iran

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Die Gleichberechtigung der Frau und die Selbstverständlichkeit der Gleichheit der beiden Geschlechter ist ein hochbrisantes Thema, welches uns sogar in unserer Zeit noch sehr beschäftigt. Die Gleichberechtigung der irani-schen Frauen scheint vor 4000 Jahren im Iran viel entwickelter gewesen zu sein als im heutigen Europa oder Amerika!
Die Geschichte von Gordafarid, einem jungen iranischen Mädchen, beginnt dort, wo Sohrab, der Sohn des mythologischen Heldes Rostam sich vornimmt, aus Turan, einem nordöstlichen Land, nach Iran zu gehen, um erstens endlich seinen berühmten Vater kennenzulernen und zweitens, mit ihm zusammen alle Feinde des Landes zu besiegen und seinen Vater zum König des großen iranischen Reiches zu machen.
Sohrab hatte seinen Vater nie gesehen, weil er schon einige Tage nach seiner Heirat mit Tahmineh (Sohrabs Mutter) wieder nach Iran zurückkehren mußte! Sohrab ist nun jung, kräftig und hat das Verlangen, all das, was er sich vorgenommen hat, auch durchzuziehen. Er reitet mit einem Heer von Soldaten Richtung Iran, und an der turanisch-iranischen Grenze kommt er an einer kleinen Burg mit Türmen und Wachtürmen an. Der Grenzoffizier will den Sohrab nicht durch die iranische Grenze einreisen lassen. Es gibt einen Kampf, Sohrab besiegt den Wach-offizier, nimmt ihn gefangen und schickt ihn in die Hauptstadt Turans. Die Iraner fühlten sich bei dieser Auseinandersetzung gedemütigt und litten seelisch ernsthaft unter diesem verlorenen Krieg. Bevor der Sohrab die Burg und den Wachturm erobert, hört ein junges Mädchen von diesem Desaster und will diese Schande nicht ertragen. Dieses Mädchen ist die Tochter des Wachposten und ihr Name ist Gordafarid. Gordafarid geht in die Arena, in einer Kampfkluft versteckt und wird nicht als Mädchen erkannt. Dennoch hat Sohrab große Mühe mit ihr und kann sie nicht besiegen. Während des ernsthaften Kampfes verliert Gordafarid ihren Helm, und ihre langen Haare befreien sich, sie zeigt zwangsläufig ihr Gesicht. Sohrab erschreckt sich und fragt, was los sei? Er fragt jedoch als erstes laut: „Was sind die Iraner für ein Volk, daß ihre Frauen so kämpfen können?“


Sohrab sagt zu Gordafarid: Ist es nicht zu schade, daß Du, schöne Frau, so mit mir kämpfst? Sie sagt zu Sohrab: „Junger Mann, jetzt haben Deine Soldaten gesehen, daß Du die ganze Zeit mit mir gekämpft hast. Es kann sein, daß dies für Dich nicht vorteilhaft ist. Komm, setze meinen Helm wieder auf und folge mir so unauffällig wie Du kannst. Wir gehen in die Burg hinein und unterhalten uns ganz ruhig über den Konflikt, denn durch den Kampf wirst Du diese Burg nicht erobern können“. Sohrab wird wütend und droht, die Burg der Erde gleich zu machen. Gordafarid beruhigt ihn und sagt: „Unmöglich! Inzwischen ist der iranische König Keykavuss informiert, und wenn nötig, schickt er den Rostam, und wenn Rostam kommt, bedeutet das Dein Ende!“ Sohrab findet Gordafarid reizend. Gordafarid diktiert praktisch dem Sohrab, welche Verhaltensweise für ihn besser wäre. Sohrab folgt Gordafarid wortlos Richtung Burg. Vor dem Tor der Burg sagt Gordafarid zu Sohrab: „Du wartest hier, bis ich das innere Tor öffne!“ Sohrab tut dies. Gordafarid schreit den Sohrab von dem Wachturm aus an, er solle sich von der Burg entfernen, sie werde ihn nicht hereinlassen. Sohrab solle lieber nach Hause nach Turan zurückkehren und sich nicht in die Hände des iranischen Heldes Rostam begeben.
Falls Sie, liebe LeserInnen ein Exemplar Ferdoussis Schahnameh besitzen, lesen Sie die Geschichte des jungen Mädchens noch einmal selbst und genießen Sie die Tapferkeit und Stärke dieses iranischen Mädchens.