Die dokumentierte Geburtsstunde der Psychosomatik

 

Solange es Menschen gibt, gibt es auch psychosomatische Erkrankungen. Die Erkennung, Definition und auch die Therapie der psychosomatischen Erkrankung ist aber nicht so alt wie die medizinische Kunst oder Wissenschaft. Eine erste lebendige und dokumentierte Studie über die psycho-somatischen Gedanken kommt aus Iran, auch Persien genannt. Der Träger dieser Ehre ist der iranische Arzt, Philosoph, Dichter, Musikwissenschaftler, in einem Wort kom-primiert, ein Genie: Pur Sina, in Europa Avicenna genannt.
Es gibt aus dieser Zeit ein Büchlein von einem der Schüler Pur Sinas, der 25 Jahre lang mit Pur Sina zusammen war und praktisch auch als sein Sekretär arbeitete. Pur Sina und dieser Schüler, der Obeide-Djusyani hieß, lebten zusammen, und Djusyani folgte Pur Sina auch auf der Flucht vor den islamischen Fundamentalisten. Er wurde ein intimer Freund Pur Sinas, erlebte das Privatleben seines Meisters und war Zeuge seiner stürmischen Liebschaften mit zahlreichen schönen Frauen, die er auch während seiner Flucht vor den Mullahs unterwegs kennenlernte. Fast alle wissenschaftlichen Bücher Pur Sinas wurden von Djusyani niedergeschrieben, die Pur Sina ihm in unregelmäßigen Abständen diktierte. Pur Sina (Avicenna) wurde im Jahre 980 n. Chr. in einem Dorf (Kharmissan) nahe der Großstadt Bokhara geboren. Damals gehörte Bokhara zu einer der Großstädte Irans, des heutigen und auch damaligen Bundeslandes Khorassan. Die Mutter Pur Sinas soll jüdischer Abstammung gewesen sein und sein Vater ein Zugehöriger einer islamischen Protestsekte (die Esmailiten). Pur Sina war nicht nur deshalb als Ungläubiger bezeichnet und verfolgt worden, sondern auch, weil er als Wissenschaftler, Arzt und Philosoph eine andere liberale, logischere und weltoffenere Meinung und Sicht der Dinge hatte. Sein bester Kollege war ein Christ, sein begabtester Schüler war ein Zarathustrier. Pur Sina achtete nur auf seine Pflicht und Berufung als Arzt, und vorurteilsfrei schätzte er leistungsfähige Menschen und die, die vom Humanismus beseelt waren. Außerdem war er ein gebildeter Iraner voller Selbstbewußtsein über sein Land und die kulturellen Leistungen Irans. Er verachtete den Fundamentalismus, Dogmatismus und die Kulturlosigkeit in jeder Hinsicht. Er lebte in einer Zeit voller Unruhe im Iran, weil seine Heimat schon fast dreihundert Jahre lang von Arabern besetzt war, und diese Araber auch eine fremde Religion mitgebracht hatten.

 


Pur Sinas ausgeprägte iranische Mentalität stellte eine unüberwindbare Schwierigkeit dar und hinderte ihn natürlich daran, sich in dieser außergewöhnlich fremden Gesellschaft, Religion usw. stumm wohl zu fühlen. Er eckte überall an, äußerte angstlos seine Verachtung dem Islam und den Arabern gegenüber, und deshalb mußte er, um weiter Arzt sein zu können, immer auf der Flucht sein.
Um die Gefahren, die Pur Sina drohten, kurz zu demonstrieren, zitiere ich hier eine Aussage eines berühmten Islamisten „Baghdade“ über Pur Sina: „Ich sah den Propheten (Mohammad) im Traum. Ich fragte ihn: Was sagst Du zu Pur Sina? Er antwortete mir: Das ist ein Mann, der sich anmaßte, zu Gott zu gelangen und glaubte, dabei meiner Vermittlung nicht zu bedürfen. Daher habe ich ihn hinweggefegt, so , mit meiner Hand. Da ist er in die Hölle gefallen“.
Unter diesen ungünstigen Voraussetzungen wuchs ein Genie heran, das schon mit 18 Jahren als berühmtester Arzt der damaligen Welt galt und seine medizinische Denk- und Handlungsweise nachhaltig bis heute noch unsere Medizin beeinflußt. Die wichtigsten Dokumente über Pur Sinas Wirken als Arzt sind neben seinen Büchern, die in zahlreichen Sprachen in allen wichtigsten Bibliotheken der Welt vorhanden sind, die Schriften seines Schü-lers, Freundes und Sekretärs Djusyani. Sie geben besonders wertvolle Informationen über diese Zeit und das Leben Pur Sinas. Hieraus ist auch genau zu ersehen, wann der Meister welches Buch diktiert hat, und zwar auch wo und unter welchen Umständen.
Hier ist für uns von großem Interesse, genau zu sehen, wann, wo und wie Pur Sina erstmalig seine Gedanken zur Psychosomatik und zu den psychosomatischen Erkrankungen dokumentiert und äußert und unter welchen Umständen er dies tut. Auf seiner Flucht von Bokhara nach Gorganag hofft Pur Sina, dort mit weniger Fanatisus konfrontiert, seine Arbeit als Arzt und Wissenschaftler fortsetzen zu können. Pur Sina wird dort freundlich aufgenommen, und zu seinen Ehren wird ein Fest organisiert, wobei Adel und Männer der Wissenschaft zugegen sind, auch der Fürst Ebne-Mamune Kharasmschah. Er präsentiert viele Wissenschaftler seines Hofes, stellt sie alle dem großen Pur Sina vor und gibt durch zweideutige Äußerungen zu verstehen, daß er mit den Ärzten dort nicht so sehr zufrieden ist, daß alle diese Ärzte schon an der Grenze ihres Könnens angelangt sind. Der Fürst läßt weiterhin durchblicken, daß er große Hoffnungen auf ihn setzt, wenn er so tüchtig ist wie sein Ruf im Lande und außerhalb der Grenzen. Er fragt den Pur Sina sogar klipp und klar, ob er bereit sei, sein ärztliches Können sofort unter Beweis zu stellen. Pur Sina versucht bescheiden, die Erwartungen des Fürsten zu dämpfen, aber es gelingt ihm nicht, und der Fürst befiehlt ungeniert: „Bringt den Kranken“!
Nach einer Weile steht ein zerbrechlicher, bleicher, hagerer junger Mann am Eingang des Saales. „Das ist mein Neffe“, sagt der Fürst und fährt fort: „Er ist sehr entkräftet, und seit mehr als drei Monaten siecht er so dahin. Er ißt nicht, trinkt ungern, die schönsten Frauen interessieren ihn nicht, und seit einigen Tagen spricht er auch nicht mehr. Niemandem ist es bisher gelungen, an diesem Zustand etwas zu ändern“.

 


Diese Gewalttat des Fürsten gefällt dem Pur Sina ganz und gar nicht so gut, und auf Bitten eines dort gegenwärtigen Kollegen läßt er sich breitschlagen. Pur Sina hat schon bemerkt, wie traurig der junge Mann war, wie melancholisch er wirkte. Er beginnt mit seinen Untersuchungen, faßt die Gesichtsmuskulatur an, prüft den Muskeltonus, beobachtet die Augen, die Farbe des Augapfels, die Pupillen-weite und die Reaktion, die Spannung der Bauchdecke, die Körpertemperatur, prüft die Reflexe, soweit damals bekannt, und er findet neurologisch-internistisch (grob untersucht) nichts Pathologisches. An seinem Puls fühlt Pur Sina nichts Auffälliges.
Der Kollege, der Pur Sina um die Untersuchung bat, sieht die Ohnmacht des berühmten Arztes und sagt zum Fürsten: „Verzeih mir, Kharasmschah! Was Du von Pur Sina verlangst, ist an der Grenze des Unmöglichen. Einen Arzt der klinischen Befragung zu berauben heißt, ihn seiner Ohren zu amputieren“. Der Fürst sagt ungeduldig und verständnislos: „Glaubt ihr, daß die Berühmtheit Pur Sinas von Khorassan bei Pars von Baghdad bis Samarghand und Sugud nur während dieser Unterhaltung im Gange ist“. Da bittet Pur Sina laut um Ruhe, während er den Puls des Patienten noch unter seinen Fingern hat. Pur Sina bittet den Fürsten entschieden, noch einmal alle Städtenamen, die er eben genannt hat, zu wiederholen. Der Fürst wiederholt verständnislos die Namen der Städte und Pur Sina fragt den Minister, wo Sugud liege. Dieser antwortet, daß Sugud einen Steinwurf von Kurganag entfernt liege, es sei ein winziges Dorf.

 


Pur Sina fragt, ob dieses Dorf einen Bürgermeister habe. Ja, antwortet der Minister, er könne in einer Stunde hier sein, wenn es gewünscht wird. Während der Wartezeit auf den Bürgermeister fragen die Kollegen Pur Sina, ob er eine Verdachtsdiagnose habe. Pur Sina nickt mit dem Kopf und sagt, „Warten wir auf den Bürgermeister“. Als dieser erscheint, stellt sich heraus, daß dieser etwa seit zehn Jahren dieses Amt bekleidet. Pur Sina sagt, demnach müsse er die Straßen und Gassen dieses Dorfes gut kennen. Der Bürgermeister bejaht dies und sagt, daß dies eine leichte Aufgabe sei, denn in Sugud gäbe es nur drei Straßen. „Dann kannst Du die Namen dieser drei Straßen aufsagen? Währenddessen hält Pur Sina den Puls des Patienten unter seinen Fingern und achtet sehr aufmerksam darauf. Dann fragt Pur Sina den Bürgermeister, ob er die Familien in der Straße Al-Djebal kenne? „Ja“, sagt der Bürgermeister und nennt einige Familien, auch seinen eigenen Namen, weil er selbst in dieser Straße wohnt. Danach fragt Pur Sina den Bürgermeister, ob er Kinder hätte. „Ja, eine Tochter und einen Jungen“ antwortet dieser. Pur Sina fragt nach ihren Namen, und der Bürgermeister antwortet, daß sie Latifeh und Ossman heißen. Pur Sina wiederholt den Namen „Latifeh“ noch einmal. Diesen Namen flüstert Pur Sina seinem Patienten ins Ohr, und ihm schießen Tränen in die Augen. Pur Sina sagt zu dem Fürsten: „Tatsächlich leidet Dein Neffe an einer Krankheit, die ebenso heilig ist, wie die Wissenschaft, die ich ausübe. Sie befällt ohne Unterschied Fürsten und Bettler, Junge und Greise. Dein Neffe ist einfach verliebt in die Tochter des Bürgermeisters des Dorfes Sugud. Der Fürst verneint und lehnt diese Diagnose ab und bittet Pur Sina Kurganag zu verlassen. Auf einmal ist die schmächtige Stimme des jungen Mannes zu hören: „Ich liebe Latifeh, und ich will sie heiraten“. Pur Sina klärt den Fürsten nun auf: In dem Augenblick, in dem Du das Wort Sugug ausgesprochen hast, habe ich eine Pulsbeschleunigung festgestellt, Arhythmie stellte sich ein. Als der Bürgermeister die Straße Al-Djabal nannte, war der Puls wieder beschleu-nigt, so auch bei dem Familiennamen Al-Badr und schließlich bei dem Namen Latifeh! Der Grund für die somatischen Störungen wie Kraftlosigkeit, Appetitlosigkeit, die Sprachstörung und die Funktionsstörungen der Keimdrüsen, die Blässe usw. des Patienten hätten eindeutig psychische Gründe.
Dieses Ereignis ist die dokumentierte Geburtsstunde der Psychosomatik.